Improvisation based on Four Organs
Manfred Tausch
Der steirische Organist und Pianist Manfred Tausch (verlinken) steht bei GRAZ spielt STEVE REICH gleich zweimal auf der Bühne. Um 00:15 Uhr und um 00:45 Uhr ist er mit zwei musikalischen Improvisationen in der Herz-Jesu-Kirche zu hören. Wir haben den begnadeten Improvisator für ein Gespräch getroffen.
Manfred, wie gehst du ans Improvisieren heran?
Manfred Tausch: Begonnen habe ich mit der sogenannten stilgebundenen Improvisation. Das bedeutet, dass man aus dem Stegreif im Stil der historischen Aufführungspraxis improvisieren kann, also zum Beispiel im Stil des Barocks oder der Wiener Klassik. Das ist eine der schwierigsten Sachen überhaupt, weil man dafür ein enormes Know-how in Tonsatz, Harmonielehre und Formenlehre braucht. Der andere Zugang ist ein freier, atonaler, der mehr aus dem Gefühl heraus funktioniert. Es ist eine Art Klangmalerei.
Und was ist davon das Schwierigste?
Manfred Tausch: Eindeutig die Improvisation im historischen Sinn, weil man an Harmonien und Strukturen der damaligen Epoche gebunden ist. Man muss genau wissen, was zum Beispiel eine ABA-Form bedeutet. Was ich jetzt aber machen werde, ist ein Eintauchen in die Musik von Steve Reich, sein Stück Four Organs dann in seinem Stil improvisieren.
Hast du dich vorher schon mit Steve Reich beschäftigt?
Manfred Tausch: Noch gar nicht, weil ich bisher aufgrund meines Unterrichts und meiner Interpretationsarbeit noch nie damit zu tun hatte. Umso mehr freue ich mich darauf. Dabei denke ich immer an das, was Pierre Marie Pincemaille gesagt hat, ein großartiger Improvisator aus Suresnes in Frankreich: „Das Beste, was man tun kann, ist die Illusion zu erzeugen, ein wirkliches Stück zu spielen”. Wenn man es schafft, das Publikum davon zu überzeugen, dann ist es gelungen. Das versuche ich bei jeder meiner Improvisationen.
Wie viel Vorbereitung steckt wirklich in einer Improvisation, und wie viel passiert im Moment?
Manfred Tausch: Man könnte es mit Jazz-Improvisation vergleichen: Ich spiele nach gewissen Mustern und Bewegungsabläufen, die ich über einen Zeitraum verinnerlicht habe. Im Barockstil zum Beispiel habe ich lange gebraucht, bis ich das wirklich konnte. Dafür habe ich mich ausgiebig barocken Improvisationsschulen beschäftigt und geforscht. Ich spiele nicht einfach drauflos, sondern musiziere wirklich strukturiert, mit wiederkehrenden Themen. Und irgendwann passiert es dann, dass ich beim Spielen nicht mehr wirklich nachdenken muss. Das kommt dann einfach so. Zuerst wird trainierta, dann geht es ins Gefühl.
Seit wie vielen Jahren beschäftigst du dich mit Improvisation?
Manfred Tausch: Mit zehn Jahren habe ich die ersten Messen in der Kirche gespielt. Damals habe ich einfach alles von Schallplatten runter gehört und nachgespielt, auch die Kirchenlieder, ohne wirklich Noten lesen zu können. Ich wollte immer wissen: “Wie klingt das, wenn ich das selbst nachspiele?” Dadurch habe ich gelernt, Stücke in verschiedenen Tonarten zu spielen, ohne darüber nachzudenken. Ich bin mir sicher, dass das meine Gabe zum Improvisieren gefördert hat. Im normalen Unterricht geht es meistens um den Bezug von Ton zur Taste, selten aber um das Verständnis einer Harmonie. Genau das sollte eigentlich von Grund auf anders gemacht werden.
Wie bist du überhaupt zur Orgel gekommen?
Manfred Tausch: Das hat schon begonnen, da war ich drei Jahre alt. Meine Mutter ist mit mir immer in die Kirche gegangen und war erstaunt, wie ruhig ich dort war. Ich habe den Klang der Orgel von Anfang an geliebt. Mit fünf hat mein Vater versucht, mir Blockflöte beizubringen, aber ich wollte partout nicht. Ich wollte immer Orgel spielen. Meinen Eltern bin ich dann so lange auf die Nerven gegangen, bis sie die Organistin meines Heimatortes gefragt haben, ob sie mir Unterricht gibt. Das war ein Glücksfall.
Was fasziniert dich am Improvisieren so sehr?
Manfred Tausch: Ich würde sagen: Ich bin Improvisation. Am Anfang ist es viel Arbeit. Aber mit der Zeit, wenn du immer mehr Eindrücke von anderen Werken bekommst, merkst du: Ich kann selbst gestalten. Ich brauche keine Noten, nur mein Gehirn. Und dann entwickelt sich etwas. Mittlerweile macht es mir unglaublich viel Spaß, drei- oder vierstimmig zu spielen und ganz bewusst harmonische Wendungen zu setzen. Weil man einfach sich selbst spielt.
Du spielst nachts in der Herz-Jesu-Kirche. Beeinflusst dich der Raum und die Uhrzeit?
Manfred Tausch: Der Raum ist unglaublich wichtig. In einem trockenen Raum geht man eher in Richtung Vielstimmigkeit, weil Klangfarben sich dort nicht so entfalten können. In der Herz-Jesu-Kirche ist eine Orgel mit enorm viel Klangfarbe, da agiert man ganz anders. Man muss mit dem Hall umgehen und warten, bis der Klang weitergeht. Die Uhrzeit an sich ist weniger entscheidend als die Atmosphäre, also die Helligkeit und die Stimmung im Raum. Im Dunkeln spielst du einfach anders. Mein Ziel ist es immer den Leuten zu vermitteln, was ich gerade empfinde. Wenn mir das gelingt, spüre ich es auch auf der Orgelempore. Dann fängt bei mir das Kribbeln an. Da weiß ich: Ich habe die Leute gerade berührt.
HERZ-JESU-KIRCHE, Sparbersbachgasse 58
Improvisation based on Four Organs
Manfred Tausch an der Wacker Orgel
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