Improvisation based on Violin Phase
Manfred Tausch und Raphael Meinhart
Wir haben Raphael Meinhart zu einem persönlichen Gespräch getroffen. Er ist Mitbegründer des Festivals GRAZ spielt STEVE REICH sowie Musiker bei STUDIO PERCUSSION graz und STUDIO DAN.
Am 03.10. seid ihr mit einem großen Festival in Graz vertreten. Wie ist es überhaupt zum Festival GRAZ spielt STEVE REICH gekommen?
Die Idee ist Ende 2024 entstanden. Wir haben uns damals Gedanken gemacht, was wir in den nächsten Jahren programmieren möchten. Bereits 2006 hatten wir anlässlich Steve Reichs 70. Geburtstag zwei Werke, City Life und Electric Counterpoint, in der Synagoge in Graz aufgeführt. Ich habe dann weitergerechnet: Im Jahr 2026 würde Steve Reich also 90 werden. Daraus entstand die Idee, ihm noch einmal zu Ehren etwas auf die Beine zu stellen. Ein toller Zufall war dabei, dass sein Geburtstag, der 03.10., in diesem Jahr auch noch auf einen Samstag fällt.
Die ursprüngliche Idee waren die Patterns, die sich immer wieder wiederholen, eine Art Clapping Music Kette über 24 Stunden hinweg. Clapping Music braucht kein Instrument, nur die eigenen Hände, und lässt sich daher besonders leicht weitergeben. Die Idee war, am Plabutsch zu beginnen und das Pattern wie einen Staffelstab an den Nächsten weiterzureichen, sodass es 24 Stunden lang durch ganz Graz wandert.
Schnell hat sich dabei die Frage nach der Logistik und dem Sinn dahinter gestellt, die Kette in dieser Form ließ sich kaum umsetzen. Geblieben ist aber der Grundgedanke der 24 Stunden, und daraus wurde die Idee, das ganze Festival über einen vollen Tag laufen zu lassen. Ich finde, dass sich bei Steve Reich das lang Entwickelnde und stetig Verändernde der Minimal Music auch in der Form eines Festivals abbilden sollte. Das hat einen anderen Impact, als würde man den Geburtstag eine Woche lang mit einem Konzert pro Abend feiern. 24 Stunden am Stück Minimal Music zu erleben, erzeugt eine ganz eigene Intensität.
Was begeistert dich an seiner Musik beziehungsweise an Minimal Music?
Im Vergleich zu anderer Musik, die in sehr kurzer Zeit sehr viel Information liefert, was Tempo, Dynamik und Klangfarben betrifft, bekommt man bei Reich nur wenig Information. Seine Musik ist bewusst minimalistisch angelegt, und gerade dadurch kippe ich leichter in die Musik hinein und erreiche einen echten Flowzustand. Sie moduliert ständig, manchmal merklich, manchmal kaum wahrnehmbar, und wirkt dadurch oft schon fast meditativ.
Wie lange begleitet dich Steve Reichs Musik, und wie bist du dazu gekommen?
Ich bin über meinen Vater Günter Meinhart zur Musik von Steve Reich gekommen. Er spielt sie selbst schon sehr lange, und so gehörte sie von klein auf einfach dazu. Zum ersten Mal habe ich im Jahr 2003 Drumming gespielt, das war mein erster Kontakt als ausführender Musiker.
Bevor ich Drumming gespielt und gehört habe, kannte ich nur den Titel. Zuhause hingen Plakate, auch im Proberaum. In meiner Vorstellung war das Stück sehr wuchtig und massiv, für mich klang es nach einem riesigen Instrumentarium. Umso überraschter war ich, dass es tatsächlich mit nur 8 Bongos beginnt, so reduziert, wie ich es nie erwartet hätte. Das war für mich ein echter Aha-Moment.
Hat sich dein Zugang zu Steve Reich über die Jahre verändert?
Der Zugang und das Hören haben sich über die Jahre schon verändert. Ich bin immer wieder von Reichs Musik weggekommen, die Interessen verschieben sich mit der Zeit, aber man kommt immer wieder zurück. Als Percussionist kommt man an Steve Reich ohnehin nicht vorbei, insofern war die Rückkehr fast unausweichlich.
Es gibt ja mehrere Komponist*innen und Interpret*innen in der Minimal Music. Was man bei Reich vielleicht kritisch sehen kann: Seine Musik ist sehr strukturiert und lässt wenig Freiheit. Andere Komponist*innen der Minimal Music lassen da mehr Spielraum. Bei Reich ist vieles genau vorgegeben. Zum Beispiel Drumming: Es ist genau vorgegeben, was man spielt, wie man es spielt und wo man es spielt. Nur die Länge ist frei. Als Interpret*in hat man dadurch vielleicht etwas weniger Freiheit als das Publikum. Das ist zumindest meine persönliche Einschätzung.
Du bist als Improvisator in der Musik verankert. Wie näherst du dich als Improvisator einem Material wie Violin Phase?
Ich denke sehr stark über den Raum nach. Je nachdem, wie der Raum beschaffen ist, überlege ich mir zum Beispiel, wie schnell das Tempo sein sollte, wie es klingt, wo ich im Raum stehe, ob ich die Instrumente im ganzen Raum verteile. Vielleicht bewege ich mich auch hin und her, um das Räumliche mitzudenken. Ich denke dabei immer das ganze Konzept mit, auch die Uhrzeit spielt eine Rolle. Ob man um 15 Uhr spielt oder um Mitternacht, beeinflusst die Musik durchaus.
Da es mit Pendulum Music die ganze Nacht weitergeht, könnte daraus etwas Rituelles entstehen. Vielleicht leiten wir ein Ritual ein, das sich durch die ganze Nacht zieht. Es wird wahrscheinlich nichts Virtuoses, sondern eher ruhig und getragen. Das entsteht dann aber erst in der Improvisation selbst.
Trefft ihr euch zur Probe, du und Manfred Tausch? Wie geht man vor, wenn man sich an Steve Reich orientieren möchte?
Improvisationen probt man meiner Erfahrung nach nicht, da sie ja gerade improvisiert entstehen. Sinnvoll ist es aber, regelmäßig mit den Menschen zu spielen und zu proben, mit denen man später improvisiert, um sich kennenzulernen. So kann man während einer Live Impro besser aufeinander eingehen, weil man die Person musikalisch bereits kennt und ihre Reaktionen besser einschätzen kann.
Manfred Tausch und ich haben vorab schon gemeinsam ein Projekt gespielt und werden uns vor dem Konzert zusammensetzen, besprechen und einen groben Fahrplan erstellen. Vielleicht improvisieren wir auch vorab gemeinsam. Das werden wir dann in der Situation gemeinsam entscheiden.
Wie sehr orientierst du dich am Instrument, mit dem du zusammen spielst? Manfred Tausch wird schließlich auf der Wacker Orgel in der Herz-Jesu-Kirche spielen.
Ich werde wahrscheinlich kein melodisches Instrument spielen. Wenn man sich improvisatorisch noch nicht so gut kennt, fällt die Wahl eher auf ein nicht akkordisches Schlaginstrument. So kommt man sich harmonisch und klanglich nicht in die Quere. Bei frei im Raum stehendem Tonmaterial ist das mit zwei Akkordinstrumenten einfach schwieriger. Deshalb tendiere ich zu Instrumenten ohne definierten Pitch.
Wirst du an dem Tag noch einmal zu hören sein?
Ja, ich spiele an dem Tag noch mehrfach: Music for Pieces of Wood am Rathausbalkon, Drumming im Schauspielhaus, City Life am Schlossberg sowie Six Marimbas_extended im MUMUTH.
Mehr über Raphael Meinhart und Manfred Tausch
HERZ-JESU-KIRCHE, Sparbersbachgasse 58
Improvisation based on Violin Phase
Manfred Tausch, Wacker Orgel / Raphael Meinhart, percussion & electronic
Copyright © 2026, GRAZ spielt STEVE REICH ist eine Veranstaltung des STUDIO PERCUSSION graz, Brandhofgasse 12, 8010 Graz | Produktionsleitung: Günter Meinhart | Foto: Jennifer Taylor | IMPRESSUM